


Roman – Assoziation A – 2023 – ISBN 978-3-86241-501-4
TW: Rassistische Polizeigewalt
Das Buch ist da! Schon die Ankündigung versprach Gutes, doch es nun in den Händen zu halten, einen Blick drauf, einen weiteren rein zu werfen, lässt mich staunen. Was für ein SCHÖNES Buch! Die Gestaltung sowohl von Cover als auch der Seiten, der Kapitel- ich bin baff. Grossartig!
„Zwei Sekunden brennende Luft“ von Diaty Diallo ist ein Roman der in einer Banlieue von Paris spielt. Die Geschichte erzählt in der Ich- Form von Astor und seinen Freund:innen, die dort ihre Zeit, ihr Leben verbringen. „Sie kennen sich schon ewig, teilen alles miteinander, von kleinen Abenteuern über grosse Grillpartys bis hin zu den alltäglichen Schikanen der Polizei, die misstrauisch beäugt, kontrolliert, festnimmt und immer wieder massiv angreift.
Ein Tag im Juli, die Luft steht vor Hitze. Am Abend hängen die einen noch auf der Betonplatte ab, während die anderen schon feiern. Ein klassischer Sommerabend, bevor plötzlich die Luft vernebelt wird, die Geräusche verschwimmen, Augen brennen und Tränen fliessen. Ein wahres Chaos. Es kommt, wie es kommen musste: Festnahmen, Polizeigewahrsam. Und Samy, einer von ihnen, wird von der Polizei erschossen. Ein Tropfen, ein Ozean – zu viel.“
Und dann fange ich an zu lesen und bin sprachlos. Gefangen in der Sprache von Diaty Diallo, die wie in einem Atemzug diese Geschichte erzählt. Die Geschichte von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich verlieben, sich treffen, zusammen abhängen, Grills aus alten Fässern bauen, zusammen Musik hören, Computerspiele spielen, kiffen, Runden auf Motos drehen. Normal halt. Fast langweilig. Das Leben von Jugendlichen/ jungen Erwachsenen halt. Wären diese nicht „Schwarz oder Araber“, kein Mensch würde sich dafür interessieren, wie sie ihre Zeit verbringen. Sie sind es aber und genau das macht sie zur Zielscheibe der Polizei, der Bullen, dieser Typen in Blau.
Diallo zeichnet Astor und seine Freund:innen so nah, so menschlich, erzählt ihre Geschichte mit solcher Bravour, dass mensch beim lesen glaubt, Astor, Chérif und die Crew schon lange zu kennen. Und das kommende Drama, das Nicht-Fassbare, den Tropfen, den Ozean schon von Beginn an spürt. Es liegt in der Luft wie das Tränengas, das Astor kaum atmen lässt und dem Issa entfliehen kann.
Die Sprache, auch in der deutschen Übersetzung, lässt den französischen Rap erahnen. Sie ist treibend, ausrufend und anklagend und nimmt immer wieder Bezug auf Musik, die am Ende des Buches wie ein Soundtrack der Geschichte aufgelistet wird. Alle paar Seiten denke ich: Was für ein Zitat!!! So wahr!!! Und kann doch nicht stoppen um sie anzustreichen oder raus zu schreiben. Weiterlesen. Die Nacht ist zu kurz, ich zwinge mich dazu extra langsam zu lesen, um die Sprache noch mehr geniessen zu können. Die letzten Seiten lese ich im Zug und immer wieder kommen mir die Tränen. Egal. Das Buch ist so bewegend, tief, ehrlich, nah, dass es mir egal ist, was um mich herum passiert. Wenn ich es in ein Wort packen muss, kommt mir nur „sensationell“ in den Sinn. Es ist sehr lange her, dass mich ein Buch derart tief bewegt und berührt hat. Nachdem ich es fertig gelesen hatte, musste ich es noch lange in den Händen halten um die Worte nachhallen zu lassen. Ihnen und der Geschichte Raum zu geben.
Diaty Diallo ist selbst in einem Vorort von Paris aufgewachsen und wohnt noch immer dort. „Als Afrofeministin finde ich, dass etwas Misandrie, sogenannter Männerhass, politische Macht haben kann- als Werkzeug, nicht als Zweck an sich, als Motor, der eine Form von Radikalität und Dringlichkeit ausstrahlt. Es ist wichtig, Nuancen zuzulassen, besonders unter „uns“: etwa unter Frauen oder Schwarzen Frauen. Aber gegenüber den Unterdrückern können wir uns Nuancen nicht leisten. Hier muss die Rede sehr klar und radikal sein, denn wir befinden uns durch den Aufstieg der extremen Rechten in einer radikalen Zeit.“
Dieses Buch ist Fiktion und doch hat sie diese radikale Sprache gefunden. Und gibt all denen eine Stimme, über die sonst immer nur erzählt wird.
In diesem Sinne: eine SENSATION, die es nach den Filmen „Ma 6T va crack-er“ (Brennender Asphalt) und „La Haine“ (Hass) und dem Lied „La Rage“ verdient hat, ebenso ein Klassiker zu werden!
Um es in den Schweiz-Kontext zu setzen:
Etwas mehr als zwei Jahre ist es nun her, dass der 37-jährige Nzoy aus Zürich in Morges von der Polizei erschossen wurde. Seither kämpfen seine Familie und Freund:innen um eine juristische Aufarbeitung des Falles. Alle involvierten Polizeibeamten sind nach wie vor im Dienst und tragen eine Waffe. Am Samstag 21.10.2023 ist die grosse Demo in Zürich, hier gibt es mehr Infos dazu: https://justice4nzoy.org/demonstration-rassismus-toetet-21-10-2023/
Und weil die extreme Rechte auch hier gerne unterwegs ist:
Mass-Voll, Freiheitstrychler und weitere rechte Akteure sowie Verschwörungstheoretiker:innen mobilisieren für Samstag, den 21. Oktober, zu einer «Dreiländer-Demo» nach Basel. Besammlungsort soll der St. Johanns-Park sein. Das wollen wir nicht zulassen! Deshalb rufen wir alle dazu auf, sich diesem Aufmarsch entgegenzustellen! Auch am Samstag 21.10.2023 in Basel, mehr Infos gibt es hier: https://baselnazifrei.info/blog/basel-bleibt-nazifrei-den-rechten-aufmarsch-verhindern
In diesem Sinne: Fäuste in die Luft für Mike Ben Peter, Subranamiam H., für Nzoy und alle andere!
(mehr Infos siehe https://stop-racial-profiling.ch/de/gerichtsfaelle/helvetzide/)
Und dem Verlag Assoziation A danken wir von Herzen für das Rezensionsexemplar!
Und dann fange ich das Buch noch einmal von vorne an zu lesen, dieses mal höre ich mir die Lieder dazu an und tauche noch einmal ein…